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RaumBETRACHTER

Sehr geehrte Damen und Herren, es freut uns sehr, dass wir die Bildobjekte von Thomas Behling, die Skulpturen und Wandobjekte von Achim Däschner sowie die Lichtinstallationen, Zeichnungen und Fotografien von Rainer Plum in der aktuellen Ausstellung RaumBETRACHTER präsentieren.

Gerade heute, in einer Zeit die von der Corona-Pandemie geprägt ist, dem Klimawandel und Globalisierung, Migration und Identität, wirtschaftlicher Ungleichheit und sozialen Differenzen, ist es umso wichtiger für uns, Künstler*innen in Ausstellungen zu zeigen, die diese Themen verhandeln und Debatten anregen. Nach der langen Zeit des Lockdowns sind wir erfreut und geradezu begierig darauf, in Museen und Ausstellungen gehen zu dürfen, Kunst zu betrachten, etwas entdecken zu können, was uns zu couragierten Überlegungen und Entwicklung anregen kann.

Um so mehr freut es uns, dass wir den Titel RaumBETRACHTER für diese Ausstellung gewählt haben – zu einer Zeit, wo wir noch nicht wussten, dass wir so lange keinen Kunst-Raum mehr betrachten dürfen. Auch die Laserarbeiten machen uns deutlich, dass wir durch den Einsatz des Lichtes und den direkten Bezug, den die Arbeiten vor Ort auf die Architektur des ehemaligen Zeughauses Germersheim haben, den besonderen Raum in einem neuen Licht betrachten und entdecken dürfen.

Thomas Behling, der 1979 in Hannover geboren wurde, der an der FH Ottersberg und an der Hochschule der Künste Bremen studierte sowie Meisterschüler bei Yuji Takeoka war, behandelt Bilder immer auf zwei Ebenen: als imaginären Bildraum und als Gegenstand, welcher sich mit seiner Materialität und gerade auch seinem Rahmen, Präsenz im realen Raum verschafft. Er kommt aus der Malerei und hat den Rahmen mit in das Bild einbezogen und Bilder zu Objekten erweitert. Der Rahmen und das Gehäuse grenzen den dargestellten Raum und den Bildraum vom Betrachterraum ab. Sie sind zwischen Imagination und Realität, zwischen Ernst und Ironie, zwischen kritischer Analyse und naiver Huldigung, angesiedelt.

Die Objekte geben vor, einen hohen Realitätsgrad zu besitzen. Sie wirken manchmal nostalgisch vertraut, historisch anmutend in ihrer gedrechselten Bauweise und hölzernen Materialästhetik. Dahinter verbergen sich aber Fallstricke, Fakes und Verfremdungen. Der Betrachter begegnet in ihnen seinem kollektiven Gedächtnis und seinen individuellen Erfahrungen. In der Aufdeckung des Scheins wird der Betrachter damit konfrontiert und entdeckt die Täuschungen und Illusionen. Im Dialog mit dem Werk wird er auf seine eigene Wahrnehmung gelenkt. Behling geht es um Selbsterkenntnis – so heißt auch eine ausgestellte Arbeit von ihm – aber hier bleibt das eigene Gesicht verborgen. Das Einzige, was das Spiegelobjekt zeigt, sind Reflexionen und Schatten des Betrachters auf den Glaswänden der Vitrine. Hier wird die Verschränkung vom imaginären Bildraum und die Präsenz des Betrachters, der seinen eigenen Gedanken- und Gefühlskanon mitbringt, deutlich.

Behling behandelt ein zentrales Gegenwartsthema offensiv in seiner Arbeit: die Klimaproblematik und die damit verknüpften politischen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt ethischen Fragen. Der Künstler hat dafür eine subtile Sprache gefunden, und seine Werke sind weit mehr als die Illustrierung einer Haltung und mehr als eine rein gesellschaftspolitisch motivierte Kunst. Die Verknüpfung von realen Szenarien mit romantischen Sehnsüchten und Illusionen wird auf seinen Bildern deutlich. In die Vitrinen und Bildkästen muss der Betrachter „hineinschauen“, vielfach durch Gucklöcher: Dadurch wird er einerseits zum Voyeur, gleichzeitig muss er sich auf den Inhalt konzentrieren und die Umgebung ausblenden und seinen Standpunkt überdenken.

Achim Däschner, ist 1971 in Karlsruhe geboren, hat 1992 ein Studium an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe absolviert und 1998 das Diplom Medienkunst abgelegt. Er gilt als Alchemist unter den Bildhauern, denn er experimentiert und forscht seit vielen Jahren mit dem unedlen Material Beton. Aus dem trivialen Baustoff ‚zaubert‘ er eine Vielzahl an Objekten, wie große und kleine Skulpturen und zahlreiche Wandobjekte. Er schätzt an Beton, dass er völlig „eigenschaftslos“ ist. Mit seiner innovativen Technik hat er sich ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen. Es entstehen Skulpturen und Wandobjekte, die aus sehr flüssigem Beton sind. Mal farbig, mal steinfarben, ganz materialuntypisch leicht wirkend mit verschiedenen Eigenschaften. Die Verwandlung des Materials ist mal rau, mal glatt wie polierter Marmor.

Seine Arbeiten bestehen aus Betonguss, der Gießgrund kann unterschiedlich sein, auch ein Abguss vom Abguss ist möglich. Er hantiert mit Säure, lässt Kristalle auf Beton wachsen, entwickelte das Oxitypie-Verfahren, rostender Beton, kombiniert Beton mit Filz, Wachs, Holz, Papier, Schellack, Leinöl und Grafit, oder nutzt Ferry-Beton als Farbe. Zum Einsatz kommen auch Ölkreiden, reine Ölschichten, oder Negativabformungen von Raster-, Schablonen- oder Gussformelementen.

Dekonstruktion – Konstruktion ist für ihn ein wichtiges Thema und er sieht sich vom Bauhaus inspiriert. Die konsequente Reduktion des Materials, die Abwesenheit der Dinge, schaffen in der Kunst des Plastikers den Raum und die Bühne für seine kleinen Kästen, Wandobjekte sowie Skulpturen und reihen sich ein, in die gegenstandlose Kunsttradition. Achim Däschner zieht alle Register perspektivischer Raumillusion und technischer Reproduzierbarkeit. Es geht ihm immer um das Zusammenspiel von Kunstwerk, Raum und Betrachter, die eine temporäre Einheit eingehen sollen, die letztlich nicht eindeutig interpretierbar ist. Dabei sind seine Werke irritierend und ein Spiel mit Gegensätzen. Sie sind rätselhaft und er spielt mit Ironie. Wir stehen neugierig vor seinem Werk und fragen uns, wie schafft er das, wie gehen die Materialien zusammen?

Rainer Plum, 1952 ist in Stolberg geboren, studierte 1977 bis 1982 an der Kunstakademie Düsseldorf, absolvierte 1991-94 ein Postgraduiertenstudium an der Hochschule für Medien in Köln und es erfolgte 2004 eine Berufung an die Fachhochschule Aachen für das Lehrgebiet Methodenlehre.

Raum, Linie und Energie sind drei Elemente mit denen er sich in seinen Zeichnungen, Fotografien und Laserarbeiten auseinandersetzt. Er lotet den Raum aus, dessen Beschaffenheit und Grenzen und schließt dabei den Betrachter mit ein und tritt mit uns in einen Dialog. Die Linie ist ein wesentliches Merkmal seines Werkes und markiert als Ausgangspunkt sowohl seine Zeichnungen als auch die Laserinstallationen.

Rainer Plum nutzt die vorgegebene Architektur, um sie aufzulösen, um sie neu erfahrbar zu machen. Sublimiert wird der Prozess indem er eine weitere Dimension einbezieht, die Zeitlichkeit: Denn es handelt sich hier um ein zeitlich begrenztes, weil vergängliches Werk. Er erkannte sehr früh, dass die Lasertechnik eine Möglichkeit ist, die haptische Präsenz von Skulptur und Zeichnung aufzulösen und in das flüchtige Medium Licht zu verwandeln. Mit Hilfe des roten und grünen Laserlichts verwirklicht er räumliche Konstellationen, Raum und Zwischenraum strukturiert er, und macht die Dunkelheit sichtbar und erlebbar. Dafür konzipiert er Holzskulpturen, die in seine Lichtinstallationen eingebaut werden. Aus den Lichtlinien mit hoher Tiefenschärfe ergeben sich beim Umschreiten schwebende Linien, Raumzeichnungen und Flächenlicht. In den Laserarbeiten erhält das Zeichnerische eine dreidimensionale Präsenz.

Die Zeichnung ist die Basis seiner Arbeit und verbindendes Element, da die Zeichnung in der Laserkunst aus ihrer Zweidimensionalität heraustritt und in den dreidimensionalen Raum überführt wird. Seit Jahren malt er täglich auf annähernd quadratischem Papier – mit der Konzentration auf die Bildmitte. In den ausgestellten Werkgruppen vollzieht sich ein Prozess des Verdichtens, Sichtbarmachens und Verschwindens. Das gleiche gilt für seine Fotografien und Grafiken. Darin fixiert er die Erscheinungen des Laserlichts, das wie im Negativ-Verfahren in ein Schwarz-Weiß überführt wird und Plum setzt Nebelfluid ein, so dass Räume entstehen. Anschließend werden sie am Computer bearbeitet, indem er die Farbe entfernt und Parallelen zur Zeichnung herstellt.

Ich wünsche uns allen, dass wir so bald wie möglich die Erkundung und Betrachtung der Kunst und des Raumes in der Realität nachvollziehen können – und wir freuen uns, Sie in den Räumen des Kunstvereins Germersheim begrüßen zu dürfen.

Herzliche Grüße

Christina Körner

Kunsthistorikerin/ Kulturwissenschaftlerin

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